Biografie

Zu den Werken von Joachim Dierauer

In Spinozas Ethik findet sich der bemerkenswerte Satz: „Die Natur und die Kräfte der Affekte“ werde ich „nach derselben Methode behandeln, nach der ich in den vorigen Teilen von Gott und dem Geist gehandelt habe, und ich werde die menschlichen Handlungen und Triebe gerade so betrachten, als ob es eine Frage von Linien, Flächen und Körpern sei.“

Das ist eine unübliche Sichtweise auf Affekte, aber sie scheint etwas in den Bildern von Joachim Dierauer zu treffen. Affekte transformieren, transfigurieren sich hier in Linien, Flächen, Körper. Sie artikulieren sich in ihnen, in geraden und gebrochenen Linien, in geneigten Flächen, in gekrümmten Körpern.

Man könnte versuchen, diese Bilder mit Vorbildern aus der Kunstgeschichte in Verbindung zu bringen; mit Namen wie Kirchner, Munch, Macke oder mit Formen und Materialien der Expressionisten. Solche Vergleiche haben aber stets etwas Pauschalisierendes und Kategorisierendes und sind schlicht zu ungelenk, um den Artikulationen dieser Bilder gerecht zu werden. Schliesslich sind diese, jedes für sich, singuläre Schaffenspunkte, die das Auge in Bewegung setzen und es zwingen gewissen Linien zu folgen, Geraden und Ungeraden, Fortsetzungen und Brüchen.

Dierauers Werke sind keine Konzeptkunst, keine Darstellung von Ideen. Entscheidend ist nicht die Bedeutung, sondern die Wirkung, die sich aus ihnen entwickelt, entfaltet – manchmal behutsam, manchmal eruptiv. Deshalb sind sie ein Ausdruck, eine Expression.

Und deshalb könnte man ihnen mit Spinoza begegnen. Spinoza ist kein ,typischer‘ Philosoph der Künste wie Benjamin, Adorno, Heidegger, Deleuze und andere. Umso unbefangener kann man mit ihm ans Werk gehen. Der Begriff Ausdruck, Expression ist ein Leitbegriff seiner Ethik. Entgegen der üblichen Verwendung bezeichnet er nichts Subjektives. Was sich ausdrückt, ist vielmehr die Essenz der Substanz bzw. Gott oder die Natur (deus sive natura). Wie sich jene ausdrückt, sind die endlichen Modi. Modi sind alle geistigen und körperlichen ,Einzeldinge‘ wie Gedanken oder Gegenstände, die im Ausdrucksprozess erst Gestalt annehmen. Dieser Prozess ist – so würde man heute sagen – grösstenteils unbewusst, nicht-intentional, nicht-zielgerichtet.

Nichts, das vorher feststehend oder identifizierbar wäre. Alles ist nur als Ausdruck gegeben. Und so haben auch Personen keine feststehenden Identitäten, sondern sind eine Multiplizität von Affekten, die mit Affekten anderer Personen wechselwirken, widerstreiten, sich überlagern, überschreiben, verstärken, auslöschen. Solche Affekte können Angst, Verletzlichkeit, Zärtlichkeit, Zuneigung sein. In den Bildern sind ihre Linien eingraviert und hinterlassen umgekehrt Spuren beim Betrachter.

Wie in Spinozas Parallelismus ist dies zugleich ein geistiger und körperlicher Vorgang. Deshalb spielt auch die Materialität der Bilder eine Rolle. Wer einmal Joachim Dierauers Atelier besuchen durfte, trifft dort Pressen, Walzen und Maschinen an und staunt, dass sich mit solch wuchtigem Gerät solch filigrane Bilder fertigen lassen. Dazu bedarf es viel handwerklichen Geschicks und langer Erfahrung. Die Lithographien und Holzschnitte gehen unter hohem physischem und psychischem Druck hervor, sind hochexpressiv und hochsensibel. Ihre Linien, Flächen und Körper sind ein Ausdruck und eine Artikulation, die ihresgleichen sucht.

Dr. Dr. Timon Boehm (Maienfeld)

Biografische Angaben
1971 geboren in Chur
1991-97 Studium freie Kunst bei H.G. Prager, Hochschule bildender Künste, Braunschweig/D
1998 Meisterschüler bei J.M. Armleder, Hochschule bildender Künste, Braunschweig/D
seit 2003 Mitglied Lithographie und Radierwerkstatt Schloss Haldenstein
2005 – 2011 Bühnenbild und Schauspiel, InSitu, Chur
Atelier für Lithographie, Radierung und Keramik in Chur

Ausstellungen
1998 Eidgenössischer Preis für freie Kunst, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen
2000 Geometrische Variationen, Ölbilder, Klibühni, Das Theater, Chur
2002 Ausstellung Cité Internationale des Arts, Paris
2006 Weisser Raum, Keramik und Film, InSitu, Postremise, Chur
2006 Druckgrafik-Ausstellung, Galaria Fravi, Domat/Ems
2010 Jubiläumsausstellung, 10 Jahre Lithographiewerkstatt, Haldenstein
2010 Werkstatt-Ausstellung, InSitu, Postremise, Chur
2011 Gruppenausstellung, 25 Jahre InSitu, Pulvermühlestrasse 20, Chur
2011 Druckgrafik-Ausstellung, Klibühni, Das Theater, Chur
2011 Gruppenausstellung, Kunst aus Graubünden, Galerie S/Z, Uerikon
2011 Stauseen, Ölbilder, Gerstlerareal, Pulvermühlestrasse 20, Chur
2014 Einblicke, Doppelausstellung mit Mathias Balzer, Galeria Fravi, Domat/Ems
2016 Lieber Künstler – Bitte stören! Galerie Cuadro 22, Chur
2017 Neue Druckgrafik, Lithographiewerkstatt Haldenstein, Museum Sursilvan, Trun
2017 Das Antlitz, Gruppenausstellung, Galeria Fravi, Domat/Ems
2017 Jahresausstellung Bündner Künstler, Bündner Kunstmuseum, Chur
2018 Impressive Genova, Ass. Culturale „Librida“, Genua
2018 Neue Arbeiten, Galaria Fravi, Domat/Ems
2019 Impressive Genova, Stadtgalerie Chur, Chur
2019 Bündner Werkschau, Haus am Arcas, Chur
2019 Sommerausstellung, Galaria Fravi, Domat/Ems
2019 „Potpourri“, Galerie Löwen, Chur
2020 Druckgrafik-Ausstellung, Galerie / Edition Z, Chur, (mit Katalogedition)

Kunstpreise/Stipendien
Werkstipendium der Preussag Stahl AG, Salzgitter/D
1997 DAAD-Preis für ausländische Studierende, HdK Braunschweig/D
1998 Eidgenössischer Preis für freie Kunst
2002 Stipendium der Vis Arte Schweiz in der Cité des Arts in Paris
2002 Förderpreis des Kantons Graubünden
2004 Lithographie-Stipendium des Kantons Graubünden, Berlin/Treptow/D
2012 Wettbewerb professionellen Kulturschaffens, Kantons Graubünden
2017 Atelier-Stipendium der Stadt Chur in Genua